Art Tonale BEGEISTERT „GRENZENLOS“

Schon ab 10:00 Uhr warteten die Zuschauer vor dem Spiegelsaal des Schlosses Morsbroich auf einen der begehrten Plätze für das Konzert von Art Tonale, doch erst pünktlich um 11:00 Uhr begannen die 24 Sängerinnen und Sänger mit ihrem Programm. Die drei Eröffnungsstücke „Signum“, „Viva la Musica“ und „Cantemus“ stimmten das Publikum mit eindrucksvollen Lobeshymnen auf die Musik und das Singen auch gleich richtig ein. Gemeinsam mit dem Chor traten die Zuschauer eine musikalische Reise durch mehrere Jahrhunderte Musikgeschichte wie auch um die Welt an. Angefangen im hohen Norden blies eine sanfte Brise, überaus stimmungsvoll mit „Vem kan segla förutan vind?“ von Norwegen in Richtung Schweden, wo das charmant dargebotene „Uti var hage“ seine Heimat hat. Die Reise ging über Bella Italia, das Stücke wie das beschwingte Tanzlied „Villanella alla napolitana“, oder das Gänsehaut produzierende Madrigal „Lasciate mi morire“ von Monteverdi bereit hielt. Jetzt teilte der Chor sich in drei Gruppen auf, um mit „V’amo di core“ einen klanggewaltigen Kanon für drei vierstimmige Chöre zu präsentieren.

Es folgte der Frankreich-Block mit der „Pavane“ und dem herzergreifend schönen „Bonjour, mon coeur“ von Orlando di Lasso, von dem in der Moderation zu lernen war, dass er zu seiner Zeit ein sehr produktiver Superstar mit einem ebensolchen Einkommen war. Das Baskenland war vertreten mit der gefühlvollen Komposition „Maitetxo polita“. Und dann passierte es: Der Chorleiter, Volker Wierz, brach das nächste Stück ab! Und wer dachte, dass der Chor falsch gesungen habe, lag vollkommen richtig. Denn: „Pase el agoa“ stammt aus einer Zeit, in der der Gesang noch einen völlig anderen Sound hatte. Und das hat der Chor dann gezeigt. Klänge, die zu Instrumenten wie Schalmei und Laute passen würden, irritierten und begeisterten das Publikum gleichermaßen. Mit „Mari mome“ einem Feuerwerk aus Bulgarien, und gewaltigem I ha ha! wurden die Zuschauer in die Pause geschickt.

Das zweite Set wurde furios mit der „Fuge aus der Geographie“ eingeleitet, einem äußerst anspruchsvollen, rhythmischen Sprechgesang von Ernst Toch. Die sanften, wenn auch stellenweise dissonant spannenden Töne des japanischen „Sakura“ im Satz von Herwig Reiter bildeten einen eindrucksvollen Kontrast und zeigten sehr deutlich die große Bandbreite der Leistungsfähigkeit von ART TONALE. Britisch ging es weiter mit „Concord“ von Benjamin Britten. Chor und Publikum schienen in den Harmonien dieser Komposition förmlich zu baden. Doch die Idylle währte nicht lang: Im von Mátyás Seiber vertonten Limmerick „There was an old man in a tree“ wird der alte Mann 55 Sekunden lang auf sehr launige Weise von einer penetranten Biene maßlos genervt. Tierisch ging es auch weiter in „Old McDonald’s walk around“. Hier bewies der Chor äußert humorig, dass er nicht nur hervorragend fremdsprachig, sondern auch perfekt tierisch singen kann: Squeak, gabble, moo, cheepety cheep, woof, quack, miaow, oink und baa konkurrieren um die Vorherrschaft nicht nur auf der Farm des alten McDonald, sondern auch im Satz von Henry O. Millsby. In der Moderation zum „Java Jive“ konnten die Zuschauer wieder etwas lernen: Was ganz harmlos in der Verpackung eines Liedchens über Kaffee und Tee daherzukommen scheint, ist in Wahrheit eine perfekt getarnte Ode gegen die Prohibition von Rauschmitteln aller Art – Whoops Mister Moto… was singen wir denn da? Der Amerikanische Block wurde beschlossen mit dem Traditional „Nelly Bly“, in dem die Geschichte eines afroamerikanischen Dienstmädchens besungen wird. Der Satz von James Mabry ist jazzig und groovy und zeigte den Chor noch einmal von einer ganz neuen Seite.

Beim Schlusslied „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ liefen den Zuhörern Schauer über den Rücken, als sie die Geschichte vom Schiffer und der schönen Loreley so eindringlich gesungen bekamen.

 

 

Folgerichtig gab es tosenden Applaus vom durchweg begeisterten Publikum. Der Chor bedankte sich mit „Goodbye sweetheart“ als Zugabe und entließ seine Zuhörer mit einem allerletzten „Viva la Musica“ in den strahlenden Sonnenschein des Sonntagmittags.